16.09.11

Film•Peteback: Mary & Max – oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?

Grüßt euch liebe Freunde von...naja von...ach ihr wisst schon :D
Heute gibt es mal wieder ein Peteback zu bestaunen! Und zwar von einem Film der;
Erstens: In schön gedeckten Farbtönen gehalten ist
und zweitens: Eine echte Perle für die Leute ist, die Knete mögen.

Heute gibt es

Mary & Max 
oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?

"Mary & Max" ist ein Stop-Motion-Film aus dem schönen Australien. Regie führte dabei Adam Elliot und hatte 2009 auf dem Sundance Film Festivals seine Premiere gefeiert.

Trailer


Australien 1976...
Erzählt wird die Geschichte der achtjährigen Mary Daisy Dinkle, die in Mount Waverley, einem kleinen Vorort von Melbourne lebt, zusammen mit ihrer kettenrauchenden, sherrysüchtigen und kleptomanischen Mutter und einem Vater, der seine ganze Freizeit dem Ausstopfen von auf der Straße verunglückter Vögel widmet. (Ey mal echt. Schon dieser Input reicht mir um einen Story genial zu finden :D) Mary hat einen Hahn als Haustier (der einst von einem Schlachtviehtransport gefallen ist) und ein Muttermal auf der Stirn, wegen dem sie immer gehänselt wird. Ihre Lieblingsfarbe ist braun, und ihr Leibgericht ist süße, gezuckerte Kondensmilch – dicht gefolgt von Schokolade. Mary liebt die Noblets – Figuren aus ihrer Lieblingscartoon-Serie, weil diese braun sind, in einer Teekanne wohnen und eine Menge Freunde haben. Sie hat keine Geschwister – obwohl sie gerne welche hätte –, und sie sei ein Unfall, hat sie von ihrer Mutter erfahren. Marys Großvater hingegen meint, Kinder seien immer gewollt und würden in Australien von den Vätern in Bierkrügen gefunden. Was Mary fehlt, ist ein Freund, der ihr die Welt erklärt. 

Da kommt auch schon der zweite, wichtige Charakter ins Spiel. Verwundert wie Babys wohl in Amerika geboren werden, entschließt sie sich, einen Amerikaner zu fragen. Durch Zufall wählt sie einen Namen aus einem Telefonbuch im Postamt: Max Jerry Horowitz. Max ist das totale Gegenteil von Mary. Er ist ein übergewichtiger, 44-jähriger Bewohner von New York. Er leidet unter dem Asperger-Syndrom, einer Art von authistische Störung, die es ihm schwer macht, mit anderen Menschen zu interagieren. Er lebt in einer kleinen Wohnung mit einer Auswahl an Haustieren, seine einzigen zwischenmenschlichen Beziehungen finden bei seinen wöchentlichen Weight-Watcher-Treffen statt. Er bekommt Marys Brief ganz unterwartet, in dem sie ihm von sich berichtet. Er enthält ein Selbstportrait und einen Schokoriegel als Dankeschön, für die Frage die er ihr beantworten wird. Im Folgenden findet ein reger Briefwechsel zwischen den beiden über viele Jahre statt, wodurch die Story mehr und mehr vorangetrieben wird und man mehr und mehr über die Charaktere erfährt.

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Jetzt mal echt.
2009 war ein Granatenjahr für den Animationsfilm und alle Welt redete von „Up“, „Fantastic Mr. Fox“, „Coraline“ oder „Küss den Frosch“, womit dann auch drei markante Stile, nämlich Computeranimation, Stop-Motion und klassisch Handgezeichnetes, abgedeckt waren. Da kann man den erwartungsgemäß viel zu späten Kinostart in Deutschland fast als Glücksfall bezeichnen. Als australischer Stop-Motion Animationsfilm aus Knetmasse, mit schwarz-weiß Bildern und Knautschgesichtern, hat es der Film wahrscheinlich eh nicht so leicht beim Publikum. Dabei ist „Mary und Max“ ein Juwel, ein absoluter Glücksfall von Film. Eine emotionale Wucht, wie die erste Viertelstunde aus „Up“ in Spielfilmlänge.

Animationsfilme sind nicht automatisch Kinderfilme, dass sollte hinlänglich bekannt sein und das dürften mittlerweile die meisten Zuschauer begriffen haben. „Mary und Max“ demonstriert die Möglichkeiten dieser Erzählform erneut, beleuchtet die Innenwelt einer achtjährigen Außenseiterin und eines pathologisch ängstlichen Ü40ers. Zwei Generation, zwei Kontinente und selbst als zwanzigjähriger Europäer dürfte man sich der Magie des Films nicht entziehen können. „Mary und Max“ ist besonders emotional eine selten erlebte Wucht, ein sprichwörtliches Wechselbad der Gefühle, das alle Spielarten beherrscht und wunderbar kombiniert. Dieses Filmerlebnis platt als „Tragikkomödie“ abzutun wird ihm nicht gerecht. Da kann man auch glatt das obligatorische „Basierend auf wahren Begebenheiten“ ignorieren, denn Adam Elliots Inszenierung ist eigenständig und wirkungsvoll genug. Es sind die Figuren, die uns ans Herz wachsen, die wir kennen lernen und in die wir uns hineinversetzen können. Ihre Probleme sind entweder universell oder auf eine andere Ebene übertragbar.

Dabei ist der Film keineswegs ein simpler Film über zwei Außenseiter. Mary und Max sind Außenseiter, ohne Frage, aber erneut wäre es eine simple Reduzierung, nur von Außenseitern zu sprechen. Durch diese beiden so unterschiedlichen und doch gleichen Augenpaare blicken wir auch auf die Welt, die Eigenheiten von Nebenfiguren und gesellschaftlichen Konventionen. Unsere Welt tickt immerfort und sie tickt nicht ganz richtig, ist schroff, unverständlich, widersprüchlich oder ungerecht. Wunderbar gelungen ist Marys zunächst kindliche Welt. Sie stellt neugierige Fragen, mal naiv, mal klug und präzise. Die Antworten die sie erhält und ihr vorhandenes Wissen verschmelzen höchst amüsant zu kleinen sketchartigen Szenen. Die übliche Frage nach der Herkunft von Babys, beispielsweise. 
Sie kommen aus Bier oder schlüpfen aus Eiern und die beiden Hunde auf der Straße spielen Huckepack. Auch Mary wünscht sich jemanden zum Huckepack spielen und dass sie die Tragweite des hündischen Huckepacks noch nicht durchschaut, gibt dem ganzen Ansatz eine tolle zusätzliche humoristische und psychologische Note. Max gibt Antworten, die selbst ein wenig kindisch wirken. Und er stellt Fragen, die ihn beschäftigen. Max lebt zurückgezogen, hat kaum menschlichen Kontakt und muss sich alle paar Monate einen neuen Goldfisch kaufen, da diese in teils absurd-komischen Momenten das Zeitliche segnen. Als ihn Marys erster Brief erreicht verwirrt es ihn und schließlich schildert er einem achtjährigen Mädchen, fast auf der anderen Seite der Welt, seine Probleme, wie er dazu neigt, die Dinge wörtlich und logisch aufzufassen.

Wunderbar gelungen ist dabei die Erzählweise. Zwei Drittel des Films bestehen aus zusammenfassender Erzählung, aus den (vor-)gelesenen Briefen und den geschickt montierten Träumen und Erinnerungen, die daraus entstehen. Eine klare Handlung ist dazwischen zunächst nur stichpunktartig zu erkennen, wird jedoch immer deutlicher. Dazu behilft man sich noch mit einem Erzähler, der auch dringend nötig ist, um die schnell aufeinander folgenden Eindrücke zu ordnen und im Fluss zu halten. Die Episodenstruktur möchte man zunächst als schlechten Stil abtun, doch die emotionale Wirkung des Ganzen wirkt wie die fällige Ohrfeige für den ungehörigen Gedanken. Wunderhübsch visualisiert ist das Frage-Antwort-Spiel der beiden. Die Blicke in Vergangenheit und theoretische Zukunft, die Schilderungen der Umwelt, der anderen Menschen im Umkreis und des inneren Seelenlebens werden geschickt montiert. Der Humor ist meist schwarz, gemischt mit kindlicher Unbeschwertheit und einer unkonventionellen Offenheit. So werden dann auch ernste Themen in einer eigentümlichen Art und Weise behandelt. Der Tod ist sicherlich kein Spaß und besonders Mary muss sich schon bald damit auseinandersetzen, doch statt nach Mitleid und Trauer zu gieren, garniert Regisseur Elliot die Szenen mit gedämpftem Witz.
 
Die ganze Stimmung ist dabei nicht albern, sondern relativ bedrückend, mitunter morbide. Da wird der Humor schon beinahe zu Galgenhumor. Marys Nachbar ist ein ähnlich zurückgezogener Mensch wie Max, der sich kaum aus dem Haus traut und bei jedem vorsichtigen Versuch, doch einen Fuß auf die Straße zu setzen, einen neuerlichen Grund bekommt, im Haus zu bleiben. Marys Vater beschäftigt sich lieber mit toten Tieren, während die Mutter als fast tote Alkoholabhängige erklärt, dass sie im Supermarkt nur ausleiht, nicht klaut. Mary wird in der Schule geärgert, wird von niemandem beachtet und schämt sich für einen Schönheitsfleck auf der Stirn. Allein das ist schon Verbundenheit genug für Max, der wegen Schokoladensucht übergewichtig ist und bei den Weight Watchers von einer aufdringlichen Frau terrorisiert wird. So dienen Schokolade und Süßigkeiten, sowie eine Kinderserie mit Sammelfiguren, als Verbindungsgrundlage – neben der emotionalen Verbundenheit der Einsamkeit. Die relative Anonymität – oder schlichtes Vertrauen durch Vertrautheitsgefühl – lässt beide absolut offen miteinander sprechen, auch wenn Mary erst in späteren Jahren wirklich versteht, was da um sie herum passiert. 
 
 
Elliot ist sich sicher in seiner Inszenierung, schafft es immer wieder, mal simple, mal subtile und einfach zutreffende Bilder und Symbole zu kreieren. Auch dank einer vorzüglichen Kameraarbeit und einer gelungenen Farbdramaturgie. Dass Max im schwarzweißen New York, Mary im erdigbraunen Australien lebt, mag reichlich offensichtlich erscheinen, doch es funktioniert und ist ein so kleiner Aspekt. Kauzige Details, alles etwas schräg, zerbeult und leicht deformiert, aber irgendwie angenehm und vertraut. Genau dieses Gefühl strahlt der Film aus, so sieht er die Welt und genau das bringt das Design des Films erstklassig rüber. Die Knetanimation ist generell absolut gelungen. Elliot versucht sich nie an irgendwelchen halsüberkopf Szenen, die mit Rasanz und Effekten begeistern, wie etwa in den „Wallace und Gromit“ Filmen. Er braucht das auch nicht, weil er ein brillantes Script und einen Animationsstil gefunden hat, die sein Anliegen ideal unterstützen. So wackeln die Figuren meist etwas eirig durch die Gegend, aber nicht etwa, weil die Animation unsauber ist, sondern weil die Figuren nun mal zu einer merkwürdig eiernden, verwirrenden, ungerechten und nicht ganz makellosen Welt gehören. Im Zentrum stehen weiterhin Mary und Max. Dass es nur um sie, ihre Freundschaft, ihre Entwicklung und den Blick nach draußen geht, ist aller Ehren wert. Die emotionale Wucht, diese Mischung aus Lachen und Weinen, ist die Belohnung. Unterstützt von einem tollen Musikeinsatz kann man gar nicht anders, als zu reagieren. Leroy Andersons Klassiker „Typewriter“ ist inhaltlich nur logisch, aber das wunderbare Hauptthema verschafft schon alleine Gänsehaut. Und am Ende des Films wird es, nur durch die Erinnerung an dieses Kinojuwel, zu Tränen rühren. Das kann Kino: Bewegen, mitreißen, unterhalten und bewegen. 

Auch die Synchronisation kann sich hier sehen bzw. hören lassen. Für die junge Mary hat man die sehr glaubhaft-jung wirkende Valentina Bonalana verpflichtet. Ihren älteren Part übernimmt hingegen Gundi Eberhard ( Miwako Sato im Anime "Detective Conan" und Stammsprecherin von Jessica Biel). Max hingegen bekommt seine raue, rauchige, aber dennoch warmherzige Stimme von Peter Lustigs Altnachbar Helmut Kraus geliehen.

Fazitzeit:
Ein schlicht großartiger, absolut emotionaler, witziger wie trauriger Animationsfilm, der wunderbar aussieht und inhaltlich eine wahre Pracht ist. Der Freundschaft der beiden Hauptfiguren und ihrem etwas anderen Blick auf die Welt, könnte ich mich nicht entziehen und ich hoffe ihr könnt es auch nicht. :)







Damit empfehle ich mich und geh mal meinen Goldfisch füttern, ich hoffe er lebt noch ._.
Bis dahin - Tschödeldö!





P.S.: Sorry das ein Teil vom Text zu klein geschrieben ist, Blogger will es einfach nicht größer machen, sorry dafür :-/  

Kommentare:

  1. Ich liebe "Mary und Max"! Ich fand ihn damals so großartig, dass ich ihn als erstes Weihnachten verschenken musste, damit ich mich endlich mit jemanden über ihn unterhalten konnte, weil er wirklich leider bei den meisten völlig unbekannt war. xD Ich fand jede Minute des Films toll und das Ende war so furchtbar traurig. Kann mich deiner Empfehlung also nur anschließen. :-)

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  2. Mary und Max ist ein wunderbares Machwerk.
    Den Superlativ dafür habe ich noch nicht gefunden...

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    1. Mein Gedanke. Ein grandioser Film!

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