17.12.13

Game•Peteback: rain


Es ist nun eine Weile her, seit dem ich zuletzt über ein Spiel geschrieben habe. Aber längere Zeit kam mir auch nichts unter die Finger, was eine Review verdient hätte.
Aber das ändert sich heute. 

Wie man vielleicht schon hier und dort mitbekommen hat, bin ich ein Fan von kleinen Indie-Spielen, die den Spieler 3-4 Stunden begeistern können und sich durch gewitzte Ideen in Gameplay oder Story von der Masse abheben. Dazu gehören Perlen wie "Journey", "To the Moon" oder das wunderbare "The Unfinished Swan", über welche ich mich schon ausgelassen habe. Und nun bin ich ganz froh, dass sich ein weiteres Spiel in diese Reihe einfindet, was mich wieder einmal auf eine ganz spezielle Art begeistern konnte. 

Die Rede ist in diesem Fall von "Rain" oder stilisiert "rain", im japanischen Original aber  "Lost in the Rain". Das Spiel mit dem außerordentlich griffigen und passenden Titel "rain" also "Regen" ist ein Exklusivtitel für die PlayStation 3 und wurde Anfang Oktober dieses Jahres im PlayStation Network veröffentlicht. Das Adventure entstand im japanischen Entwicklerstudio Acquire ('Way of the Samurai'-Reihe, Mind Zero), in Zusammenarbeit mit Sonys Tochter-Entwicklerunternehmen SCE Japan Studio (Siren , ICO/Shadow of the Colossus oder Demon's Souls) mit. "rain" entstand unter der Regie von Yuki Ikeda und Tomoharu Fujii zeichnete sich für das Lead-Design verantwortlich. Die Musik stammt vom Komponisten Yugo Kanno, welcher zuletzt mit seinem Soundtrack zum Anime "Psycho Pass" Erfolge feiern konnte.

Die Story dreht sich um einen namenlosen Jungen, der krank zu Hause im Bett liegt. Er freut sich aber schon endlich wieder gesund zu sein, denn dann gehen seine Eltern mit ihm in den Zirkus, der gerade in der Stadt ist. Eines nachts hört er draußen Lärm und geht ans Fenster und schaut hinaus, nur um zu sehen, wie die schemenhafte Gestalt eines Mädchen von einem großen, ebenfalls schemenhaften Wesen verfolgt wird. Der Junge beginnt sich nach draußen in den strömenden Regen. Zu seinem Erschrecken verliert auch der Junge sein Erscheinungsbild und wird ebenfalls schemenhaft und durchsichtig. Allein der Regen der auf ihn fällt macht ihn etwas sichtbar. So gestaltlos folgt er dem Mädchen durch die Nacht und durch die Stadt, die in dieser Nacht ganz anders ist, als er sie sonst kennt. In welcher Beziehung sie zueinander stehen, wird man noch sehen. Die Geschichte wird dem Spieler durch Texteinblendungen erzählt, die sich wunderbar in die Hintergründe einfügen und keinesfalls stören. Die Handlung und Gedanken der Kinder werden so veranschaulicht, ganz wie in einem Bilderbuch.
Das herausstechende Merkmal bei "rain" ist wohl das Gameplay bzw. die speziellen Gegebenheiten in Bezug auf die Umgebung und den Jungen selbst. Das gesamte Spiel über steuert man den Jungen. Die Steuerung ist dabei minimal gehalten und deckt die Standards ab. Man kann springen, man kann rennen und auch klettern, wenn man gegen einen bekletterbaren Gegenstand springt. Dann gibt es noch den Kreis-Button, um mit Objekten zu interagieren, sprich Türen öffnen, Dinge aufheben, schieben oder irgendwo hineinkriechen. Der Junge läuft von alleine langsam, was man mit einem "Schleichen" vergleichen könnte, da man durch diese Art zu laufen für die Gegner nicht hörbar ist. Mit dem Gedrückhalten der Viereck-Taste kann der Junge rennen und kann weitere Sprünge ausführen. "rain" kann man getrost in das Genre des Adventures einteilen. Man läuft und springt herum, löst kleinere Rätsel um den Weg fortzusetzen und bekämpft Gegner. Die Rätsel fallen dabei sehr leicht aus und gestalten sich eigentlich nur in der Hinsicht, dass man einen Gegenstand verschiebt, einen Schlüssel finden muss, oder einen alternativen Weg suchen muss. Da hätte man ruhig ein wenig mehr Zeit drauf verwenden können.

Ein besonderes Augenmerk sollte man auf die Interaktion mit den Gegnern und das zugrunde liegende Gameplay legen. Wie schon erwähnt, ist der Protagonist komplett unsichtbar. Wenn man sich durch den Regen bewegt sieht man die schemenhafte, fast gläserne Gestalt des Jungen, bis er unter einer Brücke oder einem Vordach verschwindet. Nur ein paar nasse Fußabdrücke weisen auf die Anwesenheit des Kindes hin. Ausnahmen bilden Schlammpfützen, die die Füße oder auch den ganzen Körper des Jungen sichtbar machen können. Da man nur ein Kind spielt, hat man auch nur die Möglichkeiten eines Kindes. Der Junge ist kein Kämpfer und so ist man die meiste Zeit im Spiel dabei, den Gegnern auszuweichen oder aus dem Weg zu gehen. In einigen Situationen kann man sie auch ausschalten, indem man etwas auf sie fallen lässt, oder andere, größere Gegner die Arbeit machen lässt. Die Spielmechanik erinnert ein wenig an Spiele wie "Haunting Ground" oder "Clock Tower", wo sie die Protagonistinnen auch nur verstecken können und nicht sehr wehrhaft sind. Man beobachtet die Laufwege von Gegnern und huscht dann von Deckung zu Deckung um kein Aufsehen zu erregen. Der erste Gegner den man antrifft ist "Die Dunkelheit" eine gut zwei Meter große, abstrakte Figur, die mit einer großen Keule bewaffnet ist. Sie Figur ist auch der Antagonist des Spiels, denn sie ist nicht auszuschalten und taucht in gewissen Abständen immer wieder auf und verfolgt die Kinder. Da kann man nur fliehen. Andere Gegner sind hunde-artige Vierbeiner. Dazu kommen noch harmlose Gegner, wie pferde-ähnliche Wesen, die als mobiler Regenschutz agieren und nashorn-artige Gegner, die schwere Dinge bewegen können oder Wege freimachen.

Das Gameplay wird ein wenig erweitert, wenn man erst einmal das Mädchen eingeholt hat. Von nun an spielt man zwar immer noch den Jungen, hat aber das Mädchen als ein helfenden Charakter dabei. Man fühlt sich dabei ein wenig an das Kultspiel "ICO" erinnert, wo man als Charakter auf eine weibliche Protagonistin aufpassen muss. In "rain" muss man das Mädchen aber zum Glück nicht an der Hand nehmen, denn sie läuft von selber und reguliert das Tempo im Verhältnis zum Jungen. Mit ihr kann man dann höhere Abschnitte erreichen, indem man sie hochhebt und sie dann eine Leiter herunter lässt oder eine Kiste verschiebt. Man fühlt sich gleich viel wohler, wenn man zu zweit unterwegs ist.
"rain" ist eines der atmosphärischsten Spiele die ich seit langer Zeit mal wieder erleben durfte. Das beständige Rauschen und Plätschern des Regens ist allgegenwärtig und ein Markenzeichen des Spiels. Dazu kommen noch Umgebungsgeräusche, die sich unter das Geräusch des fallenden Wassers mischen. Ob in einer alten Kirsche, auf einem Fabrikgelände oder in einem Abwassertunnel, überall hört man andere Eindrücke. Dazu noch die eigentümlichen Geräusche der Gegner und die schnellen bzw. langsamen Schritte des Protagonisten. Dazu bewegt man sich durch sehr lineare, aber auch wirklich schöne Areale. Eine Architekturmischung aus italienischen, französischen und deutschen Elementen und ältere Autos und Busse lassen auf ein Setting zum Anfang des 20. Jahrhunderts vermuten. Die meisten Häuser sind aus Back/Sandsteinen gefertigt und mit Balkonen ausgestattet, ganz im mediterranen Stil. An den Wänden hängen oft Plakate, die auf dieses oder jenes hinweisen. Z.B auf den Zirkus. Die Sprache auf den Plakaten ist meist italienisch, doch lassen sich hier auch dort auch französische, spanische oder deutsche Texte erkennen. Sehr multikulturell. Die Stadt ist wirklich eine wahre Augenweide und wirkt durch die Staßenbeleuchtung und den Mondschein noch geheimnisvoller und imposanter. 

Dazu noch ein ruhig bis hektischer Soundtrack, der die Situationen perfekt untermalt und ein wunderbares Klangbild zum Geräusch des Regens bildet. Mal heiter, mal tragisch, mal melancholisch ist für jede Szene etwas dabei. Besonders sticht dabei das Hauptthema hervor - "Clair de Lune" von Claude Debussy.
Natürlich bleibt auch negative Kritik nicht ganz aus. Wie schon erwähnt, sind die Rätsel zu leicht und beschränken sich auf Schieberein oder Schlüsselsuche. Kopfnüsse gibt es eigentlich nicht. "rain" ist auch kein sehr schnelles Spiel, auch wenn es hier und dort schon einmal vorkommt, dass man Türen schnell öffnen muss, oder eine Kiste schnell verschoben werden muss. Diese Gemächlichkeit liegt sicher nicht jedem. Die Story wird viel durch Texteinblendungen wiedergegeben, auch in Situationen, wo man rennen oder etwas tun muss. Das ist etwas schlecht gewählt, da man da eher weniger Zeit zum Lesen hat. Ein größerer Minuspunkt ist die gestreckte Spielzeit. Nachdem man das Spiel beendet hat, kann man in die Kapitel zurückkehren um Erinnerungen zu finden. Diese geben einen speziellen Blick auf die Protagonisten und vertiefen die Geschichte. Ich kann mir nicht erklären, wieso man das nicht ins Hauptspiel eingebaut hat, denn ich habe beim spielen immer wieder Areale und Abzweigungen gefunden, wo man diese Erinnerungen später finden kann. Ich war ratlos, dass an der Stelle nichts war. Verschenktes Potential, sehr schade. 

Die Stadt in "rain" ist sehr detailiert ausgearbeitet, dennoch gibt es leichte Unreinheiten. Hier und dort gibt es Gegenstände die umgestoßen werden können. Das ist ein kleines Gimmik um mit der Unsichtbarkeit des Jungens zu spielen, oder kann genutzt werden um Gegner auf sich aufmerksam zu machen. Darauf hat man anscheinend Wert gelegt. Allerdings legte man auf Türen keinen Wert, die hohen Gras bewegen können, welches vor ihnen steht. Wenn der Junge durch Gras läuft bewegt es sich allerdings. Auch sieht man den Regen auf dem Körper des Jungen plätschern. Wenn allerdings aus einer Regenrohr oder einem Kanalrohr Wasser auf den Jungen fällt, geht es einfach durch ihn durch. Da hätte man doch ein wenig aufmerksamer Arbeiten können. Selbst bei Verwendung der Unity-Engine.
Fazit.
"rain" ist ein wunderbar atmosphärisches Spiel geworden, dass mit einer tollen Gameplay-Idee und und einer gut funktionierenden Spielmechanik glänzen kann. Die Story ist schön erzählt und lässt Raum für viele Interpretationen und Auslegungen. Es gibt keine Sprachausgabe, aber dafür ist der Soundtrack um so schöner. Wer über einen etwas repetitiven Spielablauf hinwegsehen kann, der wird mit dem Spiel für 3-4 Stunden seine wahre Freude haben. "Rain" ist ein Spiel, das man einfach genießen muss. Wer Interesse hat, sollte jetzt zur Weihnachtszeit mal im PSN die Augen nach einem Sale offen halten!





Bis dahin - Tschödeldö



Kommentare:

  1. Mir gefällt dein Testbericht, doch rain selbst kommt dem nicht nach.
    Hab's erst letztens gespielt und mich gefreut als ich's nach einem Durchgang wieder von der PS3-HDD werfen konnte. Ich fand's sehr monoton und repetitiv, dazu auch noch recht langatmig und in Sachen Artwork nett, aber dann doch oft viel vom Gleichen anstatt genialem Ideenreichtum.

    Stell' aktuell "Tearaway" daneben und lass "rain" fürchterlich alt aussehen. Noch dazu macht es teilweise unnötig depressiv. Zwar könnte man 100% Trophies einsacken, aber zu einem zweiten Durchgang kriegen mich keine 10 Pferde. :)

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    1. Sagte ich ja, dass das Gameplay etwas repetitiv ist.
      Ich finde das Art-Design eigentlich sehr passend und abwechslungsreich. Was hättest du dir denn gewünscht, wenn du geniales Ideenreichtum ansprichst?
      Depressive Stimmung konnte ich in "rain" auch nicht ausmachen. Ich würde es eher einem melancholischen Unterton nennen.

      Und warum sollte man Tearaway daneben stellen? Die Spiele sind keinesfalls vergleichbar und sprechen auch ganz unterschiedliche Zielgruppen an und legen unterschiedlichen Wert auf Gameplay, Atmosphäre und Story.

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    2. Warum sollte man Tearaway nicht daneben stellen dürfen? Ein Vergleich von zwei Dingen findet ja hier nicht so statt als würde ich zwei Apfelsorten miteinander vergleichen, sondern eher die Pflanzorte, Reife und ein wichtiges Element: Herz.

      Tearaway lebt durch und durch von genialen Einfällen, einem so noch nicht dagewesenen Grundkonzept, spielerisch sehr abwechslungsreichen und einen selbst bereichernden inspirierenden Ideen, hat dazu noch Papercraft-Angebote in Form von downloadbaren Anleitungen, damit man die virtuelle Dimension durchbricht und das Dargestellte "echt" machen kann.

      Und wenn du ein wenig genauer hinschaust, ist auch "rain" ein grundsätzliches Jump'n'Run. Von "Rätseln" kann man eher nicht sprechen, da selbige sehr offensichtlich sind. Und in Sachen "Jump'n'Run" gibt's mit Tearaway nicht nur einen Vertreter, der krass vom Artdesign her ist, den Spieler und die genialen Vita-Features konzeptionell genial einsetzt... nein, es bringt auch zum Lachen und zum entzückten Mitfühlen. Darüber hinaus knie ich verehrend vor diesem Spiel nieder und bin glücklich mein Geld dort investiert zu haben.
      Da ich "rain" vorher gespielt habe, kam kein direkter Vergleich mit starkem Gefälle nach unten zustande - ich fand' "rain" einfach unglaublich trist und facettenlos. Geniale Idee nicht zuende gedacht. :)

      That's the reason why "rain" has verkackt :D
      Sorry, dass ich das Spiel so runter mache. Ich bin nur froh, dass GamePro dieses mal keine überkrasse Wertung abgegeben hat, sondern vor allem gut mit Punkten wie "viel Füllmaterial (sprich: Levels in denen nichts passiert)", Quelle: http://www.gamepro.de/playstation/spiele/psn/rain-psn-/wertung/48725.html warnt.

      Das Spiel muss man mögen - und ich warne' ja deine Leser ja gerade nur vor meiner Meinung nach überteuerten 13 €. (falls es aktuell noch so viel kostet)

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